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»Mit Hängen und Würgen«
Risiken


 

Über die Risiken von Atemkontrollspielen findet man in der BDSM-Literatur widersprüchliche Angaben, und die wissenschaftliche Literatur befasst sich kaum mit den für uns wichtigen Aspekten. Wir sind auf Ergebnisse aus der Rechtsmedizin (Opfer von Gewaltverbrechen und autoerotischen Unfällen), der Sportmedizin (Würgegriffe in Kampfsportarten) und aus dem Tauchsport angewiesen. Kaum etwas davon lässt sich hundertprozentig auf unsere Situation übertragen, und unterm Strich gibt es zu einigen Punkten bisher keine wirklich zuverlässigen Daten.

Einiges auf dieser Seite ist nicht ganz leicht zu verstehen, aber wer vorhat, mit den lebenserhaltenden Funktionen seines Partners herumzuspielen, kann sich schon mal ein Stündchen Zeit zum Lesen nehmen und ein paar medizinische Ausdrücke im Glossar nachschlagen.


Karotis-Sinus-Syndrom

NervenDer Karotis-Sinus-Reflex wird gern als die einzige oder wichtigste Gefahr bei Atemkontrollspielen beschrieben. Tatsächlich kommt es aber zu Todesfällen bei autoerotischen Praktiken in der Regel durch einfache Schlagaderkompression.

Der Karotis-Sinus-Reflex lässt sich durch Druck auf die Halsschlagader im Bereich der Karotisgabel auslösen.
(Im Bild ist die Gabelung gut zu erkennen. Die dicke Steigleitung, die sich gabelt, ist die Karotisarterie; die dünnen langen Dinger sind die Nerven. Bei den dünnen kurzen Dingern handelt es sich nur um Karotisabzweigungen. Der lange Nerv, der parallel an der Karotis entlangläuft, ist der Vagus, von dem noch die Rede sein wird. Nicht verwechseln darf man die ganze Angelegenheit mit den Halsvenen, die man manchmal außen am Hals dick hervortreten sieht; die gehen uns in dem Zusammenhang wenig an.)

An dieser Gabelung sitzen Sensoren, die den Blutdruck messen. Bei Druck oder Schlag auf diese Stelle senken sie Blutdruck und Pulsfrequenz, weil sie den erhöhten Blutdruck an dieser Stelle fälschlich als erhöhten Blutdruck im ganzen Körper interpretieren. Bei Menschen mit hyperaktivem Karotis-Sinus-Reflex kann das sogenannte Karotis-Sinus-Syndrom zu kurzer Bewusstlosigkeit und zum vorübergehenden Aussetzen des Herzschlags führen. Bei diesen Personen kann das Karotis-Sinus-Syndrom unter Umständen bereits durch ein enges Halsband, einen engen Kragen oder Drehen des Kopfes ausgelöst werden.

Eine Erklärung des Karotisdruckversuchs mit einer Abbildung des ausgelösten Herzstillstands im EKG.

Die (übrigens alles andere als zahlreichen) belegten Todesfälle scheinen im Zusammenhang mit Schlägen oder Tritten an die Halsseite aufzutreten; in "Zum traumatischen Karotissinus-Reflextod" werden aufgeführt: Hufschlag einer Kuh gegen Hals links / Sturz zu Boden, Aufschlag mit Hals auf Stuhllehne / Karate-Handkantenschlag gegen Hals / Schläge mit Krückstock gegen Hals und Rumpf etc. Dort heißt es:

"Wenn der äußere Druck gegen den Hals und den Karotissinus nur gering ist, wird in der Regel die Herztätigkeit solange gedrosselt, wie der Druck anhält. Danach stellt sich das Regulationssystem wieder auf ursprüngliche Werte ein, die Herztätigkeit erholt sich. Im Gegensatz dazu stellen eine Verletzung der Karotissinuswand und vermutlich die intramuralen Blutaustritte einen bleibenden Reiz für die Nervenrezeptoren dar, der über den Traumatisierungsmoment hinaus anhält, selbst wenn der äußere mechanische Einfluss nicht mehr wirkt. Die posttraumatische Persistenz der Erregung der Pressorezeptoren scheint somit entscheidend für die Aufrechterhaltung des Reflexgeschehens zu sein und verhindert damit die spontane Erholung der reflektorisch ausgelösten Bradykardie oder Asystolie bzw. der peripheren Vasodilatation mit Kreislaufkollaps, sodaß der Todeseintritt die unmittelbare Folge ist."(SMZ89)

In "Kann ein Griff an den Hals zum reflektorischen Herztod führen?" heißt es:

"Während die Voraussetzung für ein Karotissinussyndrom ein hypersensitiver Karotissinus ist, leiden Personen mit einem hypersensitiven Karotissinus nicht zwangsläufig auch an einem Karotissinussyndrom. Nach Untersuchungen verschiedener Autoren [...] ist mit einem gesteigerten Karotissinusreflex erst ab dem 35. Lebensjahr zu rechnen und erst ab dem 60. Lebensjahr kommt es häufiger zu Asystolien nach Druck auf den Karotissinus; im Rahmen der Untersuchungen dieser Autoren, die Druckversuche bei ca. 8000 Personen mit einem Alter zwischen 15 und 95 Jahren umfassen, kam es zu keinem Todesfall bei der Druckstimulation des Karotissinus, obwohl die Versuche z.T. bei Risikopatienten durchgeführt wurden. Franke (1963) berichtet über Druckversuche bei 3507 Personen, bei denen er in ca. 9% der Fälle einen hyperaktiven Sinusreflex feststellte, wobei die pathologische Reflexansprechbarkeit des Karotissinus vom 40. Lebensjahr an etwa proportional dem fortschreitenden Alter anstieg. Der Grund für die Altersabhängigkeit wird in der zunehmenden Arteriosklerose gesehen."(KU+90)

Die Autoren kommen zu folgendem Schluss:

"Wie ist nun im konkreten Fall, d.h. nach einem kurzen Griff an den Hals ohne Verletzungszeichen und ohne Stauungsblutungen, die Frage nach der Lebensbedrohlichkeit zu beantworten?
Wir meinen, dass die bisher in der Literatur mitgeteilten Kasuistiken nicht geeignet sind, die Möglichkeit des Todes nach einem kurzen Griff an den Hals im Sinne des Karotisreflextodes mit der im Strafprozeß erforderlichen Sicherheit zu belegen. Eine solche Möglichkeit ist deshalb bei Personen, bei denen keine der zu Anfang erörterten Voraussetzungen für einen hyperaktiven Karotissinusreflex vorliegen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Auch bei Personen, bei denen solche Voraussetzungen festgestellt werden, ist die Wahrscheinlichkeit eines Karotisreflextodes als äußerst gering anzusehen." (KU+90)

Mehr Details: "Kann ein Griff an den Hals zum reflektorischen Herztod führen?" in einer leicht gekürzten Fassung.

Jay Wiseman beschäftigt sich in (Wisb und Wisc) mit der Tatsache, dass in den Kampfsportarten, in denen das Abdrücken der Karotiden üblich ist, keine Todesfälle belegt sind (verglichen mit zahlreichen Todesfällen durch z.B. polizeiliche Würgegriffe, siehe dazu auch Auswirkungen von Sauerstoffmangel aufs Herz und "Deaths Occurring Following the Application of Choke or Carotid Holds"). Seiner Theorie zufolge werden in Situationen, in denen das Opfer weiß, dass keine reale Lebensgefahr besteht, weniger Katecholamine (diverse Stresshormone, die die Herzfunktion ungünstig beeinflussen) ausgeschüttet. Seine Schlussfolgerung lautet:

"Die genauen Implikationen dieser Hypothese für den BDSM-Bereich sind noch unklar. Da ich Personen kenne, die im Gefängnis sitzen, nachdem ihre Partner bei Atemkontrollspielen verstorben sind, werde ich bestimmt keine Entwarnung geben. Außerdem gibt es immer noch diverse andere Risiken wie die durch Strangulation ausgelösten Anfälle und Aspiration. [...]
Weil aber BDSM-Spiele - da sie nicht real im Sinne "realer" Folter sind - näher an den Kampfsportarten liegen als bei den Angriffen und polizeilichen Festnahmen, ist es vertretbar, (sehr vorsichtig) anzunehmen, dass das Risiko eher mit dem in den Kampfsportarten als dem bei Angriffen und Festnahmen vergleichbar ist." (Wisb)

In "Obstruktive Asphyxie in Kampfsportarten" heißt es zum gleichen Thema:

"Eine Literaturrecherche im sportmedizinischen Bereich [...] ergab keinen einzigen Fall, wo in Kampfsportarten ein Todesfall infolge Vagusreflex oder Reizung des Karotissinus erfolgte. Derartige Vorfälle sind demnach zumindest extrem selten. Wir sind der Auffassung, dass das Risiko eines plötzlichen Todes aus natürlicher Ursache bei der Sportausübung im Judo größer ist als das Risiko eines Todes durch obstruktive Asphyxie. [...]" (MD90)

Die Autoren schlussfolgern:

"Diese Feststellung einer geringen Gefährlichkeit der obstruktiven Asphyxie in der Sportpraxis steht nur scheinbar im Widerspruch zur nicht unerheblichen Gefährlichkeit der obstruktiven Asphyxie in Deliktfällen (...), da hier andere Voraussetzungen gegeben sind. Im Sport sind Sorgfalt des Angreifers, Schutz durch das Reglement, dosierter Krafteinsatz, sofortiges Abbrechen des Angriffs bei Bewußtlosigkeit, eine gute physische Verfassung des Opfers sowie annähernde Kräftegleichheit vorauszusetzen. Bei Straftaten entfällt ein Reglement, die Täter sind nahezu immer den Opfern - zumeist Frauen und Kindern (...) - um ein Vielfaches körperlich überlegen und führen den Angriff mit maximalem Krafteinsatz aus. Hinzu treten eine allfällige Vorschädigung des Opfers (z.B. hohes Lebensalter, schwere kardiovaskuläre Erkrankungen) und toxische Einflüsse (starke Alkoholisierung, Drogen). Der wesentlichste Faktor für den tödlichen Ausgang ist aber unter Berücksichtigung der Erfahrungen in den Kampfsportarten zweifellos die Fortsetzung des Angriffs, also die lange Zeitdauer der obstruktiven Asphyxie, oftmals über mehrere Minuten." (MD90)

SM-Praktiken dürften hier eindeutig in die Kategorie der Sportpraxis einzuordnen sein - abgesehen vielleicht von der "guten physischen Verfassung des Opfers", auf die diese tunlichst selbst achten sollte.

Auch Di Maio und Di Maio lehnen die Möglichkeit des plötzlichen Karotissinustodes beim Gesunden in "Forensic Pathology", übrigens einem der wenigen von Jay Wiseman in (Wisa) aufgeführten Werke, eindeutig ab:

"Einige Artikel erwähnen Fälle von Karotissinusstimulation, die angeblich zu Bradykardie und weiter zu Herzstillstand und zum Tode führten. Eine Untersuchung der Originalkasuistiken ergibt praktisch immer, dass die Betreffenden an einer schweren Krankheit litten, die selbst einen plötzlichen Tod auslösen konnte." (DiM89)

 


Auswirkungen von Sauerstoffmangel aufs Herz

"Bei schlechter Sauerstoffversorgung des Herzmuskels kommt es zu Extrasystolen. Sie finden meist in den Ventrikeln statt und heißen daher frühzeitige ventrikuläre Extrasystolen, kurz VES. Treten sie während der Erregungsrückbildungswelle der letzten Herzaktion auf (das gefürchtete R-auf-T-Phänomen), kann es zum Kammerflimmern kommen - eine Form des Herzstillstands. Je schlechter die Sauerstoffversorgung des Herzens wird, desto mehr VES produziert es und desto anfälliger wird es für die Folgen. So erhöht Sauerstoffmangel gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit eines R-auf-T-Phänomens und die Wahrscheinlichkeit, dass es dadurch zum Herzstillstand kommt.

Wann dieses Phänomen bei einer bestimmten Person während einer bestimmten Session eintritt, lässt sich einfach nicht vorhersagen. Genau an diesem Punkt wissen die meisten Mediziner, mit denen ich dieses Thema diskutiert habe, nicht weiter. Praktisch jeder in einem medizinischen Beruf weiß, dass frühzeitige VES sowohl lebensgefährlich als auch schwer zu diagnostizieren sind, wenn der Patient nicht an einem EKG-Monitor hängt. Wenn Mediziner Atemkontrollspiele diskutieren, wird schnell die Frage aufgeworfen: Wie kann man feststellen, ob es zu frühzeitigen VES kommt? Die Antwort ist: Eigentlich gar nicht." (Wisa)

Zu den Herzproblemen, die sich aus der Kombination mehrerer physiologischer Mechanismen ergeben können, hier ein längerer (übersetzter) Auszug aus "Death Following the Application of Choke or Carotid Holds" (DiM89)

Atemkontrollspiele und die Einnahme von Viagra schließen sich zwar nicht an sich gegenseitig aus, aber die Tatsache, dass die Einnahme von Viagra nötig ist, kann ein Anzeichen dafür sein, dass auch Atemkontrollspiele nicht ratsam sind: "Die erektile Dysfunktion, also die Unfähigkeit zur Erektion oder zur Aufrechterhaltung einer Erektion, kann das erste Anzeichen einer allgemeinen Gefäßerkrankung und damit auch einer Durchblutungsstörung des Herzens sein. 2 kleinere Untersuchungen ergaben, dass 16 - 59% der Patienten, die wegen einer erektilen Dysfunktion zum Arzt kamen, an einer bis dahin nicht bekannten koronaren Herzkrankheit litten." (VuH)


Auswirkungen von Sauerstoffmangel aufs Gehirn

Lokaler Sauerstoffmangel im Gehirn ist in der Regel für den Tod beim Erhängen verantwortlich (siehe auch Grundlagenwissen: Erhängen). Die Karotisarterien lassen sich je nach Art und Plazierung des Strangs bereits durch eine Zugwirkung von 3,5 bis 5 kg verschließen. Die Vertebralarterien machen zwar wegen ihrer geschützteren Lage erst ab etwa 15 bis 30 kg dicht, können aber allein keine ausreichende Sauerstoffversorgung des Gehirns gewährleisten.

Sauerstoffmangel im Gehirn führt zu einer milden Euphorie und, beim Sex eingesetzt, zu schnelleren und befriedigenderen Orgasmen. In der Forschungsliteratur heißt es gerne kopfschüttelnd "bei manchen Personen", es handelt sich aber wohl eher um einen allgemeinen physiologischen Mechanismus.

"Die Selzerbrunnen werden alljährlich Pfingsten von 12 bis 15 Männern gereinigt. An einem Seil befestigt steigen die Männer in die Brunnen. Sie bekommen Anweisung, alsbald - nach kurzer Arbeitszeit im Brunnen - wieder herauszusteigen. Häufig gelingt es ihnen nicht, sie werden heraufgezogen, sie sind bewusstlos. Sie werden an die frische Luft gelegt, bis sie wieder zu sich kommen. Oft liegen acht bis zehn Personen bewusstlos, keiner erleidet jedoch gesundheitliche Schäden. Wann der Graf oder Beamte, den diese Brunnen-Feglust zu sehen herbeigekommenen Fremden einen Scherz zeigen will, so löset solcher einem seiner Mit-Consorten in Verrückung liegenden den Hosenknopf auf, so springt augenblicklich die Männlichkeit in größter Gravität hervor, dabei es nicht wenig zu lachen gibt."
(A. Martin: "Priapismus, Wiedererwachen des Geschlechtstriebes nach CO2-Einwirkung", 1923, zitiert nach NW77

Sauerstoffmangel im Gehirn ist auch die Ursache für euphorisches und unzurechnungsfähiges Verhalten in großen Höhen oder beim Tauchen. Diese Euphorie ist in unserem Zusammenhang natürlich erwünscht; spielt man allein, kann die Beeinträchtigung der Urteilskraft allerdings fatale Folgen haben.

Unterbricht man die Blutversorgung des Gehirns durch Abdrücken der Halsarterien vollständig, kommt es nach etwa zehn Sekunden zur Bewusstlosigkeit; nach spätestens drei Minuten wird das Gehirn irreversibel geschädigt. Schon vorher kann es zu Problemen kommen, wenn man nicht damit rechnet, dass der Partner bewusstlos werden könnte: Verletzungen durch Stürze, Schwierigkeiten, den bewusstlosen Partner aus ungünstiger Position in eine sichere Lage zu bringen, Aspiration von Erbrochenem.

Zitat aus "Befunde und äußere Umstände bei Todesfällen im 'Schwitzkasten'":

"Der tödliche Ausgang setzt voraus, dass die Halskompression nach Eintritt der Bewußtlosigkeit noch längere Zeit (bei gesunden jungen Menschen mindestens 2-3 min) aufrechterhalten bleibt." (DPM90)

"Die Erfahrungen im Sport beweisen, dass eine kontrollierte obstruktive Asphyxie möglich und in der Regel auch ungefährlich ist. Die Beobachtungen über die Zeitdauer bis zum Eintritt der Handlungsunfähigkeit (Bewußtlosigkeit) von ca. 10 s stehen im Einklang mit den rechtsmedizinischen Erkenntnissen und Literaturangaben [...]. Eine zeitlich begrenzte Bewußtlosigkeit, wie sie durch Würgetechniken im Judo selten auftritt, ist erfahrungsgemäß harmlos. Diese Feststellung einer geringen Gefährlichkeit der obstruktiven Asphyxie in der Sportpraxis steht nur scheinbar im Widerspruch zur nicht unerheblichen Gefährlichkeit der obstruktiven Asphyxie in Deliktfällen [...], da hier andere Voraussetzungen gegeben sind. Im Sport sind Sorgfalt des Angreifers, Schutz durch das Reglement, dosierter Krafteinsatz, sofortiges Abbrechen des Angriffs bei Bewußtlosigkeit, eine gute physische Verfassung des Opfers sowie annähernde Kräftegleichheit vorauszusetzen. Bei Straftaten entfällt ein Reglement, die Täter sind fast immer den Opfern - zumeist Frauen und Kindern [...] - um ein Vielfaches körperlich überlegen und führen den Angriff mit maximalem Krafteinsatz aus. Hinzu treten eine allfällige Vorschädigung des Opfers (z.B. hohes Lebensalter, schwere kardiovaskuläre Erkrankungen) und toxische Einflüsse (starke Alkoholisierung, Drogen). Der wesentlichste Faktor für den tödlichen Ausgang ist aber unter Berücksichtigung der Erfahrungen in den Kampfsportarten zweifellos die Fortsetzung des Angriffs, also die lange Zeitdauer der obstruktiven Asphyxie, oftmals über mehrere Minuten." (MD90)

Wird das Gehirn länger als drei bis fünf Minuten nicht ausreichend durchblutet, kommt es zu Schädigungen, die selbst noch Tage oder Wochen später zum Tod führen können. (siehe z.B. WAR88, Max87). Einer der in Max87 berichteten Fälle ist für uns aus praktischen und rechtlichen Gründen besonders interessant und ist unter Todesfälle in Anwesenheit eines Partners näher beschrieben.

Selbst wenn die Sauerstoffversorgung des Gehirns nach kurzer Zeit wiederhergestellt wird, wird das Gehirn aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt sofort wieder ausreichend durchblutet. In ungünstigen Fällen kann es eine Weile dauern, bis die vollständige Gehirndurchblutung wiederhergestellt ist. (Hen90)


Gehirnschädigung durch wiederholte Sauerstoffmangelzustände

"Darüber hinaus gibt es zahlreiche Hinweise, die eine ernstzunehmende Gefahr der langfristigen Gehirnschädigung belegen, wenn diese Praktik oft genug wiederholt wird. Insbesondere Studien über die wiederholte kurze Unterbrechung der Gehirndurchblutung von Tieren und Untersuchungen an Menschen, die am sogenannten 'Schlaf-Apnoe-Syndrom' leiden (deren Atmung im Schlaf bis zu zwei Minuten aussetzt) belegen, dass in diesen Fällen kumulierende Gehirnschädigungen auftreten." (Wisa)

Das Deviants' Dictionary kommentiert:

"Es ist allgemein bekannt, dass leichter Sauerstoffmangel oder wiederholte Sauerstoffmangelzustände (wie sie zum Beispiel in großen Höhen oder bei bestimmten medizinischen Syndromen auftreten, bei denen die Atmung der Betroffenen im Schlaf wiederholt aussetzt) Gehirnschädigungen verursachen können. Hypoxie zerstört Neuronen (Gehirnzellen), die einzigen Zellen im Körper von Erwachsenen, die nicht ersetzt werden können. Wiseman zitiert den Fall eines Judolehrers, dessen Gehirnschädigung darauf zurückgeführt werden könnte, dass er häufig als Demonstrationsobjekt für die in diesem Sport gebräuchliche Techniken, die Karotis abzudrücken, eingesetzt wurde. [siehe Wise, K.P.] Checkmates medizinischer Berater Tattoodoc weist darauf hin, dass die Großhirnrinde das sauerstoffhungrigste Organ ist, so dass Hypoxie die höchsten Gehirnzentren als erstes beeinträchtigt.

Realistisch betrachtet haben wir viele Milliarden Neuronen und das Gehirn funktioniert auch mit deutlich weniger als seiner natürlichen Ausstattung. Neuronen werden ständig durch den Alterungsprozess, Alkohol und andere Drogen, Schläge auf den Kopf und dergleichen zerstört. Man könnte es als rationale Entscheidung ansehen, wenn wir einen Teil unseres großzügigen, aber begrenzten Vorrats sparsam auf Aktivitäten verwenden, die uns Spaß machen.

Wie bei allen anderen SM-Praktiken auch, muss man vernünftigerweise die Risiken des Spiels gegen den Lustgewinn abwägen und die Risiken, soweit möglich, minimieren. Zum Beispiel berichten einige Anhänger von Atemkontrollspielen, dass ein zweiter Versuch, in einer Session Bewusstlosigkeit herbeizuführen, erst nach einer wesentlich längeren Unterbrechung der Sauerstoffversorgung Erfolg hat, was die Gefahr für die Gehirnzellen erhöht und außerdem weniger befriedigend ist. Es könnte im Hinblick auf Gehirnerhaltung wie Vergnügen ratsam sein, sich diese Spiele für besondere Gelegenheiten mit langen Pausen dazwischen aufzusparen." (DD)

Anmerkung: Wir können zwar auf einen erheblichen Anteil unserer Gehirnzellen verzichten, aber es gibt durchaus empfindliche Bereiche, in denen schon geringe Einbußen zu spürbaren Ausfällen führen.

Im Tierversuch an Nagetieren führte eine zweiminütige Unterbrechung der Sauerstoffversorgung des Gehirns zu keinen neurologischen Ausfällen; erst wenn der Sauerstoffmangel mehrfach hintereinander im Abstand von einer Stunde hervorgerufen wurde, kam es zu Gehirnschädigungen. (zitiert nach Wise)


pH-Wert-Verschiebungen im Blut

Der normale pH-Wert des Blutes liegt zwischen 7,35 und 7,45; alles darüber heißt Alkalose, alles darunter Azidose. Schon leichte Abweichungen sind ungesund; pH-Werte unter 6,9 und über 7,8 gelten als unvereinbar mit dem Leben.Wird die Atmung auf die eine oder andere Art eingeschränkt, nimmt die Kohlendioxidkonzentration im Blut zu. Der pH-Wert des Blutes fällt ab, es kommt zur respiratorischen Azidose. Gleichzeitig nimmt die Sauerstoffkonzentration im Gewebe ab, was zur metabolischen Azidose führt. Ob man diesen Vorgang tatsächlich als gesondertes Risiko bei Atemkontrollspielen betrachten muss, ist nicht ganz klar. Recherchen nicht abgeschlossen.


Hyperventilation

Hyperventilation gehört an sich nicht zu den direkten Risiken bei Atemkontrollspielen (schon eher beim Tauchen). Wer schon einmal nach dem Orgasmus ein Kribbeln in den Händen und um den Mund bemerkt hat, der hat beim Sex hyperventiliert.
Nun ist es so, dass der eigentliche Atemreiz - das Gefühl, die Lungen müssten platzen, wenn man nicht gleich einatmen kann - nicht durch das Fehlen von Sauerstoff im Blut, sondern durch den Anstieg des Kohlendioxidgehalts ausgelöst wird. Bei der Hyperventilation wird im Verhältnis mehr Kohlendioxid abgegeben als Sauerstoff aufgenommen. Hält man jetzt die Luft an, wird der Atemreiz unter Umständen erst nach dem Zeitpunkt ausgelöst, an dem man durch den Sauerstoffmangel das Bewusstsein verliert. Das führt zu zahlreichen Unfällen bei Tauchern, die davon ausgehen, dass sie nach Hyperventilation länger die Luft anhalten können. Während sie sich noch gesund und munter fühlen, verlieren sie ohne Vorwarnung unter Wasser das Bewusstsein.
Man sollte also damit rechnen, dass ein Partner, der - aus welchem Grund auch immer - hyperventiliert hat, bevor seine Luftzufuhr abgeschnitten wird, unerwartet bewusstlos werden kann, während er noch einen relativ munteren Eindruck macht.

Ein anderer Punkt ist die Alkalose (siehe pH-Wert-Verschiebungen im Blut, allerdings geht es jetzt um das Gegenteil des dort beschriebenen Mechanismus), die einfach durch Hyperventilation ausgelöst wird. Manche schätzen das Gefühl, das sich dabei einstellt, und lassen es dabei bewenden. Es kommt zu Schwindelgefühlen, einer leichten Bewusstseinstrübung und Kribbeln in den Extremitäten und im Gesicht, im Extremfall zu Krämpfen und kurzer Bewusstlosigkeit. Eine Alkalose ist nicht direkt gesund, aber es dürfte kaum möglich sein, sich durch absichtliche Hyperventilation in eine lebensbedrohliche Situation zu bringen. Hört man auf zu hyperventilieren, normalisiert sich die Lage rasch wieder (zur Unterstützung kann man die eigene Atemluft aus einer Tüte mehrfach wiedereinatmen, um dem Körper Kohlendioxid zuzuführen).


Aspiration

Erbrechen

In der Literatur sind Todesfälle belegt, in denen es bei Überfällen mit Strangulation oder bei autoerotischen Atemkontrollspielen zum Erbrechen kam, woraufhin das Erbrochene - mangels Ausweg oder durch eine ungünstige Lage des bereits bewusstlosen Opfers -  in die Lunge gelangte. Hätten die Opfer überlebt, hätte dieser Vorgang zu einer schweren Lungenentzündung geführt, deren tödlicher Ausgang nicht unwahrscheinlich gewesen wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Erbrechen kommt, wird erhöht

Auszuschließen ist die Möglichkeit aber nie - man sollte grundsätzlich darauf gefasst sein, dass sich ein hilfloser Partner aus beliebigen Gründen übergeben kann. Daran sollte man übrigens auch sonst denken, wenn man den Partner in ungünstigen Stellungen aufwendig fesselt. Ein Partner, der sich erbricht, muss unverzüglich von sämtlichen Atemhindernissen befreit werden und, falls er dazu nicht selbst fähig ist, in eine sichere Lage gebracht werden (bei Bewusstlosen: stabile Seitenlage).

Spezielle Risiken bei Spielen im Wasser

Taucht man den Partner zu lange unter, setzt ein unwiderstehlicher Atemreiz ein, der dazu führt, dass Wasser eingeatmet wird. Sauberes Süßwasser wird von der Lunge binnen Sekunden resorbiert. Bei großen Wassermengen - wie es beim echten Ertrinken der Fall sein kann - kommt es dadurch zu diversen Komplikationen, die zusätzlich zum Sauerstoffmangel zum Tod führen können. Bei der bei einem BDSM-Unfall zu erwartenden kleinen Wassermenge ist eher nicht mit schwerwiegenden Folgen zu rechnen. Kommt es im Verlauf der nächsten zwei Tage zu Kopfschmerzen, Brennen in der Brust, atemabhängigen Schmerzen, Fieber, Atemnot oder Bewusstseinsstörungen, unbedingt zum Arzt.

Bei Salzwasser sieht die Sache wieder anders aus: Salzwasser wird nicht resorbiert, sondern führt zum Einströmen von Wasser aus dem Blut in die Lungen. Eine hochgradig ungesunde Angelegenheit; besser erst gar niemanden im Salzwasser untertauchen.

In seltenen Fällen kann es durch psychische Auslöser (Angst, Schreck) zu einem Stimmritzenkrampf kommen. Der Krampf löst sich spätestens, wenn man bewusstlos wird; beim echten Ertrinken ist es dann zu spät, aber für unsere Zwecke genügt es.

Das Einatmen von kaltem Wasser kann eine Vagusreizung auslösen, was die im Zusammenhang mit dem Karotis-Sinus-Syndrom erwähnten ungünstigen Folgen für das Herz hat. Zusammen mit der Wirkung des Sauerstoffmangels aufs Herz kann es so zum Herzstillstand kommen.

Eventuell kann man sich hier das unter Hyperventilation beschriebene Phänomen zunutzemachen und den Partner vorher hyperventilieren lassen, damit der Atemreiz nicht ausgelöst wird, der ihn dazu bringt, Wasser einzuatmen. Dieser Ratschlag gilt nur für Leute, die darauf bestehen, ihren Partner unterzutauchen, bis er halbtot ist; alle anderen hören sinnvollerweise einfach rechtzeitig auf.


Kehlkopfverletzungen

Bei den Opfern von realen Angriffen mit Strangulation finden sich regelmäßig diverse Verletzungen des Kehlkopfs, insbesondere Brüche des Zungenbeins und der Schildknorpel und Verletzungen der Schilddrüse. Schwellungen und Blutergüsse können auf die Stimmbänder drücken und das Sprechen erschweren. Diese Verletzungen sind nicht ganz leicht hervorzurufen und sollten im BDSM-Bereich nicht allzu häufig vorkommen. Sie sind an sich nicht lebensgefährlich, solange es nicht zu Schwellungen im Luftröhrenbereich kommt, die die Atmung behindern (das kann auch noch mehrere Stunden nach dem Spiel geschehen). Auf jeden Fall aber ist im Umgang mit dem Kehlkopf Vorsicht geboten; beim Würgen oder Drosseln sollte die Kehlkopfgegend möglichst schonend behandelt oder ausgespart werden. Treten nach Würgespielen anhaltende Beschwerden im Kehlkopfbereich auf, ist ein Arztbesuch erforderlich.


Sonstiges

Petechien: (Betonung auf der zweiten Silbe) Durch den Druckanstieg im Kopf (also wenn die Halsvenen verlegt werden; typischerweise beim Drosseln) können kleine Gefäße platzen, speziell in der Mundschleimhaut, in den Augenlidern und in den Augenbindehäuten. Das bleibt einige Tage sichtbar und ist unschön, aber weitgehend harmlos. Eine Abbildung (WebPath).

Aneurysmen: Um die fünf Prozent der Bevölkerung leiden unter Aneurysmen, d.h. Ausbuchtungen in der Wand von Arterien. Ist ein solches Aneurysma im Gehirn vorhanden, kann es platzen, wenn der arterielle Blutdruck ansteigt. Das führt zu einer Reihe auffälliger Symptome, insbesondere dem "Vernichtungskopfschmerz". Am meisten gefährdet sind die mittleren Lebensalter. Die Chancen, sich von einem geplatzten Hirnaneurysma wieder vollständig zu erholen, liegen bei etwa einem Viertel bis einem Drittel, die Chancen, daran zu sterben, ebenfalls. Im allgemeinen platzen Hirnaneurysmen beim Sex, bei sportlicher Anstrengung, beim Husten, Erbrechen und gern auch beim Pressen beim Stuhlgang, so dass Atemkontrollspiele hier nur ein Auslöser von vielen, aber kein Verursacher sind.

Verletzungen durch Krämpfe: Sauerstoffmangel im Gehirn kann zu Krämpfen und Zuckungen führen, bei denen man sich Verletzungen zuziehen kann. Recherchen nicht abgeschlossen.

Asthma: Anscheinend haben Asthmatiker nach einer längeren Asthma-Karriere auch Herzprobleme, die die sonstigen Risiken fürs Herz verstärken könnten. Recherchen nicht abgeschlossen. Andererseits gibt es hin und wieder Berichte von Asthmatikern, die mit ihrer Krankheit subjektiv besser zurechtkommen, seit sie Atemkontrollspiele in sexuellem Kontext betreiben.

"Ich habe zwar kein Asthma, aber eine Hausstauballergie, die auch durch bewusstes Sich-damit-beschäftigen, auch in Form von Atemkontrollspielen, wesentlich besser geworden ist. Vor allem habe ich dadurch gelernt, gefährliche Panikzustände in den Griff zu kriegen (das "Shit, ich krieg keine Luft ... Panik!"-Syndrom). (F, 32)

Kreuzigung: Fesselt man jemanden so, dass das Körpergewicht auf den ausgestreckten Armen lastet, wie das zum Beispiel bei der klassischen Kreuzigung der Fall ist, wird die Brustatmung stark behindert. Das kann durchaus zum Tode führen - allerdings erst nach ziemlich langer Zeit (über die Dauer schweigt sich die Literatur aus). Wie üblich: keine gefesselten Personen alleinlassen.

Probleme durch Arteriosklerose: "Ein korrekt durchgeführter carotid sleeper hold kann auch tödlich sein. Mit Verletzungen der Halsstrukturen ist dabei allerdings nicht zu rechnen. Die Kompression der Karotisarterien und der resultierende verminderte Blutstrom zum Gehirn können bei Personen mit arteriosklerotischer Erkrankung der Karotiden oder der Hirngefäße theoretisch einen Schlaganfall hervorrufen. Durch den Druck können arteriosklerotische Beläge abgelöst werden und einen Hirnschlag durch Embolie verursachen. Die Durchblutung des Gehirns wird durch die Karotis- und die Vertebralarterien gewährleistet. Wenn die Durchgängigkeit der Vertebralarterien durch Arteriosklerose vermindert ist, kann der Verschluss der Karotisarterien die bereits eingeschränkte Zirkulation weiter verschlechtern und so eine Thrombose oder einen Schlaganfall auslösen." (DiM89)
Davon sind insbesondere Raucher, Diabetiker und ältere Personen betroffen.

Luftembolien: "Die in den Lehrbüchern gelegentlich vertretene Auffassung, infolge Drucksteigerung stelle sich beim Strangulationstod eine Luftembolie im großen Kreislauf ein, ist zwar theoretisch vorstellbar, praktisch aber auszuschließen." (GM86)
"Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse ist - im Gegensatz zu verschiedenen Literaturangaben - eine arterielle Luftembolie bei Erhängten nicht bzw. keinesfalls häufig zu erwarten." (BAP83)


Verhalten beim Arztbesuch oder in der Notaufnahme

Im Zweifelsfall empfiehlt es sich, nicht den Hals-Nasen-Ohrenarzt, sondern die Notaufnahme eines Krankenhauses aufzusuchen - das Personal dort hat schon abwegigere Dinge gesehen und wird vermutlich bei der Erklärung, wie es zu den Verletzungen gekommen ist, kaum mit der Wimper zucken. Wie für andere Verletzungen aus dem BDSM-Bereich gilt auch hier: Bitte nicht den Arzt belügen. Zum einen erschwert es die richtige Diagnose, zum anderen wird der Arzt die Geschichte vermutlich nicht glauben und auf Gewalt in der Ehe tippen. Für den Arzt ist es eher Anlass zur Erleichterung als zur Sorge, die Erklärung "Das war mein Partner bei einem SM-Spiel" zu hören. Auf keinen Fall irgendwelche Risiken eingehen, nur weil es einem peinlich erscheint, ins Krankenhaus zu gehen. Auch der Notarzt unterliegt übrigens der Schweigepflicht; wer darauf Wert legt, sollte ihn gegebenenfalls ausdrücklich daran erinnern.

 

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