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Der Papiertiger: DDR

 
   
   
   
   
   
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Der Papiertiger ist eine Enzyklopädie des Sadomasochismus, zusammengestellt von Datenschlag. Hier versuchen wir, möglichst umfassend, Begriffe aus dem SM-Bereich zu erklären.


Die Sexual-Forschung in der DDR war hauptsächlich durch Siegfried Schnabl bestimmt. Schnabl war in weiten Teilen ein Anhänger von Giese, Hans. Sadomasochismus galt als Perversion und wurde - noch viel stärker als Homosexualität - totgeschwiegen.

Schnabl schrieb 19721 über die Entwicklung der Sexualwissenschaften:

Die Sexualwissenschaft ist im Verhältnis zu anderen Disziplinen ein Nachzügler und Spätentwickler. In den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz präsentierte sie die menschliche Sexualität von ihrer krankhaften Seite, ja als ein Konzentrat scheußlicher Perversitäten und Triebverirrungen. "Psychopathia sexualis" - so hieß denn auch das erste 1886 von Krafft-Ebing veröffentlichte Werk, welches allgemein als Auftakt der Sexualwissenschaft oder zumindst der Sexualpathologie betrachtet wird.
Damit soll nicht das Verdienst Krafft-Ebings geschmälert werden. Es besteht darin, das gesamte sexualpathologische Wissen seiner Zeit, veranschaulicht durch 200 ausführlich beschriebene Perversionsfälle, zusammengetragen, systematisiert, klassifiziert und mit einer Nomenklatur versehen zu haben, die wir heute noch in der Sexualpsychopathologie verwenden. Seine hypothetische ätiologische Deutung aller Perversionen als Auswirkung einer "Degeneration" und neuropathischen Konstitution wird dagegen von keinem ernst zu nehmenden Forscher mehr anerkannt, obwohl wir gestehen müssen, daß die Ursachen sexuelller Deviationen bis heute noch sehr im dunkeln liegen, umstritten sind und wir auch in der Therapie wenig echte Fortschritte erziehlen konnten. Lediglich die moralisierende Einstellung zu sexuellen Normabweichungen ist wenistens in Fachkreisen im Schwinden begriffen.

Gegen Ende der DDR, im Jahre 1987 publizierte Rainer Werner, Ordentlicher Professor für forensische Psychologie an der Humboldt-Uni zu Berlin, "Homosexualität. Herausforderung an Wissen und Toleranz". Darin beschrieb er Sadismus und Masochismus als (überwiegend) homosexuelle Deviation, bewertet sie zunächst aber relativ gelassen:

Sadismus und Masochismus sind Extreme, die in der Mitte der Norm ihren Ausgangspunkt finden. Es scheint sich um zwei Muster wechselseitiger sexueller Reizgebung und Reizverarbeitung zu handeln, die sich im sexuellen Vorgang ineinanderschieben und oft zu großer Stimmigkeit der Partner führen. So spricht man heute in der internationalen sexuologischen Literatur gern von Sadomasochismus, um dessen komplementären Charakter herauszuarbeiten. Sowohl unter Hetero- wie unter Homosexuellen trifft man den Sadomasochismus häufig an, obgleich die Betroffenen nicht ohne weiteres darüber sprechen.

Auch die partnerschaftliche Grenzsetzung im konsensuellen Sadomasochismus hat Werner erkannt und kann im Gegensatz zu vielen seiner West-Kollegen von seiner eigenen Perspektive auf sadomasochistische Praktiken abstrahieren:

Obgleich die Ergebnisse der sexuellen Beziehungen Uneingeweihten und Unbefangenen oft uneinfühlbar und aufregend erscheinen, können sich die Beziehungen zwischen Sadisten und Masochisten durch große Einfühlsamkeit und Harmonie auszeichnen. Der Masochist ist oft das Regulativ, das den sadomasochistischen Sexualvorgang zu hoher Dynamik treibt, zugleich aber auch die Grenzen setzt, wo das sexuelle Zeremoniell schwere Schäden für Leben und Gesundheit nach sich ziehen könnte.

Letztendlich betont aber auch er die Gefahren für die "Herausbildung einer gesellschaftsgemäßen Sexualmoral", die von Sadomasochisten ausgingen.

Von einer organisierten Szene in der DDR ist nichts bekannt, es muss vermutet werden, daß Sadomasochisten weitgehend in der gesellschaftlichen Vereinzelung lebten. Sadomasochistische Organisationen gab es, ebenso wie Zeitschriften, keine.

In allen Einträgen des Papiertiger, in denen vor 1990 von Deutschland die Rede ist, ist die BRD gemeint.

Siehe auch2

Literaturhinweise:

1 Schnabl, Siegfried:
    Intimverhalten, Sexualstörungen, Persönlichkeit  [Details]
2 Kurth, Lisa:
    Deutschland, einig Schmerzensland. (SM-)Lebensberichte aus Ost und West  [Details]

 

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Stand: 2003_05_31.

 

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