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Der Papiertiger: Gewalt

 
   
   
   
   
   
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Der Papiertiger ist eine Enzyklopädie des Sadomasochismus, zusammengestellt von Datenschlag. Hier versuchen wir, möglichst umfassend, Begriffe aus dem SM-Bereich zu erklären.



Auch wenn Sadomasochismus keine Gewalt im üblichen Sinne darstellt, da er durch das Konsensualitäts-Prinzip und Absprachen ein ethisches Fundament erhält, das jener fehlt, wird er häufig doch mit (sexualisierter) Gewalt gleichgesetzt. Gründe hierfür sind u.a. Gegestände mit hohem Symbolgehalt wie Fesseln oder Peitschen, die in sadomasochistischen Spielen eingesetzt werden, wie Fesseln und Peitschen. Auch die Tatsache, daß in den Phantasien vieler Sadomasochisten nichteinvernehmliche, NC (s. Eintr.: Noncon)-Elemente vorkommen, trägt zu dieser Haltung bei.
Letzteres scheint ein Grund für die insbesondere in Deutschland vehementen Angriffe von radikalen Feministinnen wie Schwarzer, Alice auf den Sadomasochismus zu sein.

In S/M-Szene Intern 2/1993 heißt es dazu:

Wenn man Freunden und Interessierten erklären will, was SM ist, wird man fast immer mit dem Begriff der Gewalt konfrontiert und muß sich den Mund fusselig reden, daß das, was wir tun und mögen, keine reelle Gewalt ist, sondern halt irgendwie anders - so wie man einem Kind in einem bestimmten Alter erklären muss, daß man Gott nicht per Flugzeug besuchen kann, egal wie hoch es fliegt.

Daß Gewalt von Sadomasochisten nicht mehr als von der Allgemeinbevölkerung ausgeübt wird, ist inzwischen von der Wissenschaft akzeptiert worden (vgl. Stand der Forschung). Am deutlichsten wird das bei1 formuliert:

Allen sadomasochistischen Varianten gemeinsam ist, daß nicht zügellose Aggression oder Gewalt ausagiert wird, dessen Folgen riskant und [un]übersehbar sind, sondern daß im Gegenteil gerade die kontrollierte Beherrschtheit des sadomasochistischen Aktes essentiell ist. [...] Die sadomasochistische Subkultur stiftet also keine Aggressivität, die ausserhalb dieses Rahmens stattfände.

Gewalt, die an Sadomasochisten ausgeübt wird, besonders sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, bringt das Opfer in eine schwierige Situation, da die Trennung zwischen gewaltbehafteter Symbolik im Sadomasochismus und echter, nichteinvernehmlicher Gewalt nicht leicht zu vermitteln ist. Die Probleme bei Vergewaltigungen werden dort besprochen. Die bedeutendste Arbeit zu diesem Thema ist das Keres Report, siehe dort.

Nonkonsensuelle Gewalt in sadomasochistischen Partnerschaften ist ein noch deutlich schwierigeres Problem. Zum einen kann auch bei Sadomasochisten das Missverständnis bestehen, daß gewisse Formen des Missbrauchs besonders für Bottoms "einfach dazugehören", sprich, daß die landläufigen Vorurteile über sadomasochistische Beziehungen übernommen werden, zum Anderen können einvernehmliche sadomasochistischen Spiele nachträglich in gewaltsame Handlungen umgedeutet werden - der Top wird Schwierigkeiten haben, sich gegen derartige Anschuldigungen zur Wehr zu setzen.
Mit der Ausnahme von denen, die in der Subkultur integriert sind, sind misshandelte Sadomasochisten einer verstärkten Isolation ausgesetzt. Das Opfer kann sich zwar bewusst sein, daß es missbraucht wird, aber zögern, existierende Anlaufstellen wegen Angst vor Abweisung aufzusuchen.

Es gibt keine Anzeichen dafür, daß es unter Sadomasochisten zu einem grösseren Vorkommen von Misshandlungen in Beziehungen kommt. Wegen dieses Vorurteils zögern aber viele Sadomasochisten, dieses Thema überhaupt anzusprechen, teilweise auch untereinander, aus Angst, es zu verstärken.

Ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung sind sadomasochistische Frauen die häufigsten, aber keineswegs die einzigen Opfer von sexueller Gewalt (www.bka.de). Darüberhinaus kann jeder unabhängig von Geschlecht, Grösse, Alter, sexueller Orientierung oder einer Vorliebe für eine Rolle als Top oder Bottom das Opfer von physischer und psychischer Gewalt in einer Beziehung werden.

In der Erkenntnis der besonderen Probleme von Sadomasochisten im Umgang mit Gewalt in Partnernschaften hat Datenschlag einen Text über destruktive Beziehungen unter Sadomasochisten verfasst. Er ist unter www.datenschlag.org/txt/destruct.htm zu finden.

Literaturhinweise:

1 Bräutigam, Walter / Clement, Ulrich:
    Sexualmedizin im Grundriss: Eine Einführung in Klinik, Theorie und Therapie der sexuellen Konflikte und Störungen  [Details]

 

Auf diesen Eintrag verweisen: Domestic violence, EMMA, Feudalmodell, Keres, Jad, Keres Report, Kinder, National Leather Association, Noncon-Phantasien, Playboy, Pornographie, Sadomasochismus, Spiel, Stand der Forschung, Subkultur, Vergewaltigung, Vorurteile

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