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Der Papiertiger: Medizin

 
   
   
   
   
   
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Der Papiertiger ist eine Enzyklopädie des Sadomasochismus, zusammengestellt von Datenschlag. Hier versuchen wir, möglichst umfassend, Begriffe aus dem SM-Bereich zu erklären.



Für Notfälle siehe dort, Fragen der Sicherheit werden auch unter den einzelnen Praktiken beschrieben, Fragen zur medizinischen Forschung unter Geschichte der Forschung bzw. Stand der Forschung besprochen. Siehe weiter Paraphilie und Therapie. Hier hauptsächlich zum Umgang mit Ärzten.

Dieser ist so lange völlig unproblematisch, wie der Arzt nichts von den Neigungen seines Patienten weiß. Tatsächlich dürften die wenigsten Hausärzte ahnen, dass sie Sadomasochisten betreuen, und es gibt auch nur in den wenigsten Fällen Gründe, warum sie es wissen sollten.

Die Einstellung von Sadomasochisten zu Ärzten ist von einem ziemlich tiefem Misstrauen geprägt, wie unter Geschichte der Forschung historisch beschrieben aus guten Gründen. Eine große Anzahl von Sadomasochisten befürchtet, dass man sie als krank einstufen oder ihnen gar eine Therapie empfehlen wird oder dass zumindest das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und ihrem Arzt geschädigt wird. Deprimierenderweise muss man davon ausgehen, dass solche Fälle noch auftreten. Sie können weiter befürchten, dass der Arzt das Wissen über die Neigung weitergeben wird oder sie direkt oder indirekt allgemein bekannt werden könnte. Diese Ängste sind nach allen bisherigen Erfahrung unbegründet, siehe unten.

Die Einstellung von Ärzten zu Sadomasochisten ist mehr von den üblichen Vorurteilen geprägt, als sich Sadomasochisten allgemein klarmachen. Ärzte haben ihr Wissen über Sadomasochismus zuerst einmal aus den gleichen Quellen wie alle anderen Leute und auch wenn eine gute Psychiatrie-Vorlesung das Gebiet der Paraphilien einschließt, nehmen sie auch da im Vergleich zur Homosexualität und Pädophilie einen sehr geringen Stellenwert ein. Man darf nicht erwarten, dass Ärzte, nur weil sie einen leichteren Zugang zu Informationen haben, diesen Zugang auch nutzen. Noch 2000 sieht der Normalfall an deutschen Universitäten so aus, dass über die Paraphilien Informationen aus den 60er und 70er Jahren vermittelt und die neueren Forschungsergebnisse gar nicht erst erwähnt werden.

Die einzige zusätzliche, regelmäßige Quelle für Ärzte über das Gebiet ist das Kapitel über unabsichtliche Selbsttötung bei autoerotischer Betätigung, das sich in fast jedem Lehrbuch der Gerichtsmedizin findet. Hierbei handelt es sich meist um Unfälle bei der Selbstfesselung (s. Eintr.: Fesselspiele), wo entgegen aller Regeln der Sicherheit Stricke um den Hals gelegt wurden und das Opfer sich selbst erwürgte. Die Tatsache, dass sich diese Todesfälle fast nur bei Männern ereignen, trägt sicher zu der immer noch gängigen Vorstellung in der Forschung bei, dass Sadomasochisten hauptsächlich Männer seien. Auch dürften diese Einträge ein Grund dafür sein, daß Ärzte von einem häufigeren Vorkommen von Atemkontrolle ausgehen, als tatsächlich der Fall ist. Es muss nicht gesagt werden, daß diese Berichte nicht gerade das Ansehen von Sadomasochisten unter der Ärzteschaft steigern.

In eine besondere Kategorie gehören Psychiater. Auf der einen Seite sind sie durch ihr Wissen über die Theorien von Freud, Sigmund und der Psychoanalyse gegenüber dem Sadomasochismus meist negativ vorbelastet, auf der anderen Seite kann man ihnen die ganze Tragweite der neueren Definitionen klarmachen, wie sie in DSM-IV (s. Eintr.: DSM) zu finden sind. Da sie eher von Sadomasochisten angesprochen werden, die sich eine Therapie wünschen, um ihre Neigungen loszuwerden, gehen sie eher als die restlichen Ärzte davon aus, dass allgemein ein Leidensdruck vorliegt. Psychiater haben auch mehr mit sadistischen Übergriffen zu tun und können daher ein düstereres Bild von der Gefährdung der Allgemeinbevölkerung durch Sadomasochisten haben als andere Ärzte. Generell das meiste Verständnis und das beste Hintergrundwissen kann man bei Sexualmedizinern erwarten, deren Ausbildung weniger auf Prinzipien der Psychoanalyse ausgerichtet war.

Für alle Ärzte ist der Umgang mit sadomasochistischen Patienten auch im besten Fall schwierig. Normalerweise beruht die ärztliche Autorität auf dem Wissensgefälle zwischen ihm und seinem Patienten, was medizinische Belange betrifft: Der Arzt weiß mehr über die Vorgänge beim Patienten als der Patient selbst. Beim Sadomasochismus entfällt dieses Wissensgefälle völlig, da die gängigen wissenschaftlichen Vorstellungen einfach zu sehr von der erlebten Wirklichkeit entfernt sind, um von Sadomasochisten akzeptiert werden zu können. Einige Ärzte haben Schwierigkeiten, das einzusehen oder den damit einhergehenden Autoritätsverlust zu akzeptieren, besonders gegenüber Patienten, die sie vielleicht für psychisch krank halten. Wegen des eklatanten Mangels an brauchbarer wissenschaftlicher Literatur zu dem Thema gibt es für Ärzte auch nicht die Möglichkeit, sich selbst bei gutem Willen fortzubilden, normalerweise eine der Standardreaktionen von Medizinern auf neue Gegebenheiten.

Weiter geht die Empathie des Arztes, d.h. seine Fähigkeit, sich in die Sorgen und Nöte des Patienten hineinzuversetzen, bei sadomasochistischen Belange meist verloren. Ebensowenig wie die Masse der Vanille-Bevölkerung wird ein Arzt nachvollziehen können, was an Schmerz oder Erniedrigung lustvoll sein soll. Mit vielen Praktiken wird er auch andere Assoziationen oder allgemeinere medizinische Bedenken verbinden. So kennen viele Ärzte üblichen Schlagspuren, allerdings im Zusammenhang mit Kindsmisshandlung und Gewalt in der Partnerschaft. Das ganze Gebiet des Piercings wird von Ärzten häufig wegen der Infektionsgefahr abgelehnt.

Bei den durch Sadomasochisten selbst verschuldeten Problemen muss an erster Stelle das von manchen zur Schau getragene Gefühl der sexuellen Überlegenheit gegenüber den Vanilles genannt werden. Fast immer wird der Arzt selbst ein Vanille sein und deutlich merken, dass man sein Sexualleben für eingeschränkt hält. Auch wenn wie unten beschrieben ein selbstsicheres Auftreten wichtig für den Umgang mit Ärzten ist, sollte das nicht mit einer falschen Arroganz verwechselt werden.

Bei dem Umgang mit Ärzten sollten sich Sadomasochisten also über folgende
Punkte im klaren sein:

Als allgemeine Leitlinien können einem Sadomasochisten für den Umgang
mit Ärzten mitgegeben werden:

Es kann sein, dass der Arzt selbständig nach weiteren Informationen oder Quellen fragt. Ein kurzer Leitfaden für Ärzte findet sich unter www.datenschlag.org/txt/moser.html.

Ein für beide Seiten akzeptabler Text zum Thema Sadomasochismus in einem medizinischen Lehrbuch ist der von Walter Bräutigam aus Sexualmedizin im Grundriss1. Auch wenn der Eintrag etliche Lücken aufweist (siehe auch die Diskussion dazu unter der Literaturstelle), trifft er den Sachverhalt am ehesten und verweist insbesondere auf die Harmlosigkeit der Sadomasochisten. Da das Buch aus dem unter Medizinern hoch angesehenen Thieme-Verlag stammt, wird der Arzt wesentlich weniger Probleme damit haben, den Inhalt zu akzeptieren, als bei einem Text aus der Subkultur. Andere Werke wie2 können auch erwähnt werden, sind aber für die meisten Ärzte einfach zu lang.

Verschiedene SM-Organisationen im deutschsprachigen Raum bemühen sich, Listen der Kink Aware Professionals zusammenzustellen, die es in den USA und in der schwulen Subkultur bereits gibt. Nachfragen bei der nächsten SM-Organisation kann hier weiterhelfen.

Im Papiertiger werden mit Absicht auch ältere medizinische Bücher als Quelle herangezogen, weil sie eher die Einstellungen reflektieren, die ältere, im Berufsleben stehende Ärzte gegenüber dem Sadomasochismus haben. Trotz der Weiterbildungspflicht der Ärzte kann nicht realistisch von allen erwartet werden, daß sie sich auf dem neusten Stand in dem für ihre tägliche Arbeit recht kleinen Gebiet halten.

Literaturhinweise:

1 Bräutigam, Walter / Clement, Ulrich:
    Sexualmedizin im Grundriss: Eine Einführung in Klinik, Theorie und Therapie der sexuellen Konflikte und Störungen  [Details]
2 Wetzstein, Thomas A. / Steinmetz, Linda / Reis, Christa / Eckert, Roland:
    Sadomasochismus - Szenen und Rituale  [Details]

 

Auf diesen Eintrag verweisen: Kink Aware Professionals, Niemandsland, sadomasochistisches, Notfälle, Schweigepflicht, Selbstfesselung, SM, Subkultur, Vergewaltigung

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Kommentare und Ergänzungen zu diesem Papiertiger-Eintrag:
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